
Da kann man nur sagen: Alles richtig gemacht!
Aber was ist ein Shitstorm?
Als Shitstorm bezeichnet man das digitale Steinigen im Internet. Es wird meistens von Unternehmen, manchmal aber auch von Privatpersonen ausgelöst, die durch ein Fehlverhalten eine heftige Diskussion auslösen und durch weiteres Fehlverhalten auch noch Öl ins Feuer gießen.
Ich hol mir schon mal Popcorn

Gestern gab es auf der Seite der Brigitte ein Musterbeispiel dafür, wie man einen Shitstorm auslöst.
Zuerst veröffentlicht man einen Artikel, in der eine Autorin sich nach ihrem Umzug in den so “verrückten” Hamburger Stadtteil St. Pauli über nach Party riechende Skateboard fahrende Männer über 25 beschwert und ihnen vorschlägt doch besser ein schnelles Auto zu fahren, Fussball zu spielen oder auf Bäume zu klettern.
Der Artikel war aus mehreren Gründen eine Arschbombe ins Fettnäpfchen und am wenigsten haben die Skateboards etwas damit zu tun.
1. Gentrifizierung

Ein Wort, dass vor 15 Jahren noch keiner kannte, das aber, seit dem Muttis ihre Kinderwagen durch Prenzlauer Berg schieben zum Standard Vokabular der Kreativen Klasse gehört. Es geht vor allem darum, dass runtergekommene Stadtteile meist erst von Studenten und kreativen bevölkert werden, die dank des günstigen Raums meist interessante neue Konzepte ausprobieren und so den Stadtteil wieder attraktiv machen. Durch diese neue Interessanz wollen natürlich mehr Menschen in den Stadtteil und so lange es noch Leerräume da sind, wird es immer besser für alle. Ist aber erst mal der Leerstand gefüllt und der Höhepunkt erreicht, wollen auch weiter mehr Menschen in den Stadtteil, die Mieten ziehen also an. Sobald höhere Mieten gezahlt werden, kommen auch schon die Investoren, die Wohnungen sanieren und als nächstes die Muttis mit Kinderwagen und man beschwert sich beim Ordnungsamt über den Lärm, für den man hergezogen ist.
Was ist nur aus St. Pauli geworden? Als ich vor 10 Jahren in Hamburg gewohnt hab, hat es da meist nach Fisch, Algen, Abgasen und Pisse gestunken.
2. Einmal Prinzessin Sein
https://www.google.de/search?q=Bianka+Echtermeyer+prinzessin
Ein schneller Googlerteffer der Autorin, der die Überschrift “Einmal Prinzessin sein” trägt, ist in diesem Kontext natürlich ein gefundenes Fressen. Was zieht eine Prinzessin auch nach St. Pauli? Sich im alternativen Stadtteil über Alternative zu beschweren ist so, wie in die Wüste zu gehen um über den Sand zu meckern. Die Prinzessin (auf der Erbse) unterstreicht diese Attitüde mit Bravour.
Ein perfektes Bild
3. Stinkende Autos statt schnellen Boards

Noch mehr Autos in ne Großstadt zu packen ist eine weitere Prinzessinnen Idee und trifft damit erneut ins Hornissennest. Als echter Alternativer ist man stolz darauf seinen Mitmenschen die Belastung durch ein weiteres Auto zu ersparen und sich selber für diesen Verzicht den “Jesus-Typ-Badge” anzuhängen. Egal ob man jetzt aus Geld Mangel oder echter Überzeugung auf sein Auto verzichtet. In Zeiten des Klimawandels ist dieser Vorschlag auch einfach nur kurzsichtig und dumm.
Oder mit den Worten einer Prinzessin: “Wenn das Volk kein Brot hat, dann soll es doch Kuchen essen”
4. Wir backen dieses Jahr mit euch zusammen

Während im Rest der Welt für die Gleichstellung von Mann und Frau gekämpft wird, verkörpert die Sichtweise der Autorin noch das klassischen Männerbild aus den 60ern. Wer danach auf die Facebookpage von Brigitte.de geht, findet dort gleich im Coverfoto auch das Frauenbild der Zeitung:
Wir backen dieses Jahr mit euch zusammen, schickt die Leserinnen gleich an den Herd zurück.
Das provoziert dann auch Frauen, die sich spätestens ab jetzt für Autorin und Blatt fremdschämen.
5. Zeitungskrise & Leistungsschutzrecht
Das kurz vorher zwei Zeitungen ihr Ende bekannt gaben, (eine sogar aus dem selben Haus wie die Brigitte) bietet weitere Angriffsfläche. Man hat die Verlagshäuser so oft über “Qualitätsjournalismus” reden gehört und fragt sich nach diesem unreflektierten Artikel dann doch wo der geblieben ist.
Das Selbe gilt für die Diskussion über das Leistungsschutzrecht. Aber nicht nur der Qualitätsjournalismus spielt hier eine Rolle, denn auch das Verhalten der Autorin spiegelt diese Diskussion perfekt wieder. So wie die Verlage erst Ihre Seite durch Suchmaschinenoptimierung Google förmlich aufdrängen und dann plötzlich Geld dafür haben wollen. So zieht die Autorin erst nach St. Pauli um sich dann darüber zu beschweren.
Und Skateboarding?
“Skateboarding nur bis 25″ hat nur eine untergeordnete Rolle bei diesem Shitstorm gespielt und hätte alleine keine 1000 Kommentare provoziert. Erst durch die oben erwähnten Zutaten wurde ein Festmahl für Trolle daraus.
Don´t feed the trolls
Was essen Internet-Trolle am liebsten?
Richtig! Zensur und Beschimpfungen im “Selber doof” Style.
Und wer sind die größten Trolle?
Richtig! Social Media Berater
Nachdem die Redaktion den Artikel und Kommentare löschte und dazu noch den Lesern Vorwürfe machte, statt auf der eigenen Seite zu suchen, gab es für die Social Media Berater kein halten mehr. Es wurde Popcorn gemacht, schnell noch ein paar Google Anzeigen für “Shitstorm Beratung” gebucht um dann über alle Kanäle zu verbreiten: “Shitstorm, kommt alle her!”
Das hat dann ach den letzten Troll aufgeweckt und zum Festmahl eingeladen.
Aus dem Shitstorm wurde ein FLASHitMOB, jetzt ging es nicht mehr um die Sache sondern einfach darum dabei zu sein und lustiger als Arbeiten war es auf alle Fälle.
Selbstreflektionsmodus ein:
Da ja auch ich zu diesem Festmahl eingeladen habe, kurz etwas zu meiner Motivation. Anfangs sah ich nur, dass ein Freund und “We like that” den Beitrag geteilt hatten, mein Interesse wurde aber erst geweckt, als ich den Kommentar über die Löschung und den Link zum Backup sah.
Ich dachte mir, das könnte lehrreich werden und las mir dann doch den Artikel durch. Treffer! Perfektes Shitstormmuster!
Ich dachte mir, so einen perfekten Shitstorm bekommt man selten zu Gesicht und wollte ihn meinen Freunden und Kunden nicht vorenthalten. Und heute kann ich dann darüber klugscheißen und mich schlau fühlen weil ich diese Zeilen schreibe.
Und werde dafür hoffentlich auch bewundert.
Aber mal Ernst bei Seite. Für mich als Medieninteressierten, war dieser Shitstorm, das was für einen Geologen ein Vulkanausbruch ist. Man hat selten die Chance so eine soziale Dynamik so direkt beobachten zu können.
( Screeshots stammen von den Facebook-Seiten: Brigitte.de und WeLikeThat)