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Basisdemokratie vs. Ego-Ökonomie

Basisdemokratie ist in der Theorie eine tolle Sache, aber in der Praxis nur in sehr kleinen Gruppen anwendbar, denn die verbrauchte Lebenszeit steigt exponentiell mit der Anzahl der Teilnehmer.

Sprechzeit pro Teilnehmer * Anzahl der Teilnehmer = Dauer des Meetings

Dauer des Meetings * Anzahl der Teilnehmer = verbrauchte Lebenszeit

Der Rekord, was das anging hat das Assamblea in Berlin gebrochen. 500 Besucher * 2 h = 1000h.

1000h, soviel arbeitet ein durchschnittlicher Mensch in 6 Monaten und wenn ich mir dazu im Kontrast den Gründerbus anschaue wird mir schlecht. Was wir zu dritt in einer Woche gelernt, recherchiert, berechnet und auf die Beine gestellt haben, schaffen die Assambleas in Monaten nicht. Wenn nur jeder der Beteiligten 5 min vor der Gruppe reden würde, kämen wir auf Insgesamt 41 Stunden Diskussionszeit, also grob eine Arbeitswoche. Bei 500 Teilnehmern macht das insgesamt 10 Jahre Lebenszeit und davon wären wohl 90-95% redundant oder irrelevant.

Kein Wunder, dass es Unternehmen heute soviel leichter fällt, ihre Interessen zu vertreten und durchzusetzen, als dem gemeinen Bürger.

Man arbeitet einfach effektiver, wenn man nicht alles tot quatscht. Man kann schneller agieren und Fakten schaffen, wenn man nicht erst jeder Befindlichkeit zuhören muss.

Die Konsequenzen erleben wir täglich. Kann also Basisdemokratie überhaupt funktionieren, oder steht sie sich selbst im Weg?

We are the 99% – Occupy Berlin

Am Samstag bin ich eher durch Zufall auf die Proteste der 99% aufmerksam geworden.

Ich mag die Wiese vor dem Bundestag, das ist einfach ein magischer Ort, deshalb wollte ich mich nach dem der Gründerbus überstanden war, erst mal dort in die Sonne setzen. Ich hatte auch noch mein Gepäck dabei und wurde deshalb von der Polizei auf dem Weg dorthin erst mal durchsucht. Es musste verhindert werden, dass jemand vor dem Bundestag zeltet. Deshalb hielt die Polizei Ausschau nach Camping Zubehör, komisch wovor die Politik heute Angst hat.

Nachdem sich meine dreckige Wäsche der Berliner Polizei vorgestellt hatte, erfuhr ich also von den Protesten und habe mir das erst mal genauer angeschaut. Das war ein harter Cut. Am Freitag Abend noch vor Investoren gepitcht, denen bei 400% Wachstum in 4 Jahren „die Musik fehlt“ und auf der anderen Seite ein Haufen Menschen, die zwar unzufrieden sind, es aber weder formulieren noch organisieren können.

Vor dem Brandenburger Tor kam ich dann auch zum ersten Mal mit einer asamblea (spanisch für Plenum) in Kontakt und war erst mal abgestoßen. Statt ein Megafon oder ein PA zu verwenden, sprechen die Menschen im Chor jeden Satz nach. Das war ein wenig wie in der Kirche und ist auch neurologisch etwas problematisch. Denn durch das Nachsprechen, stellt sich im Unterbewussten eine Verbindung zu dem Gesagten ein, selbst wenn man anderer Meinung ist.

Ich bin dann erst mal ins Hostel, habe meine Sachen weggebracht und bin Abends nochmal vor den Bundestag. Dort waren immer noch ein paar tausend Leute versammelt und ich habe mich mit ein paar von Ihnen unterhalten und durfte sehr viel lernen.

Die meisten wussten nicht warum sie da waren oder wo es hingehen sollte. Es waren auch keine Wutbürger, sondern vor allem Menschen, deren Bauchgefühl sie hergeführt hatte.

Ich bin sicher das war nicht das letzte Mal, dass wir 99% uns getroffen haben.